Khosh amadid! - Iran Teil I.


Als wir im Mai 2019 in den Iran einreisen, können wir es kaum abwarten, dieses Land endlich kennenzulernen. Meine Vorstellung entspricht mit Sicherheit nicht der Realität; ist sie doch hauptsächlich von den Medien geprägt, die natürlich nur Bilder von brennenden Flaggen und Demonstranten sowie Soldaten und grausamen Hinrichtungen verbreiten. Das Alles gibt es natürlich, aber das kann nicht das Land sein und die Menschen, die dort leben.

Ich muss mir also selbst ein Bild machen von einem ausgegrenzten Land.


Der Grenzübergang in Astara ist recht groß, doch die Beamten auf beiden Seiten recht locker.

Bei der Ausreise aus Aserbaidschan müssen wir wieder unser komplettes Gepäck durch den Scanner schicken. Derweil überprüft man unser Visum und den Pass. Dazu werden wieder einmal Aufnahmen von uns gemacht. Alles in Ordnung. Man schickt uns weiter.

Auf dem Gelände kann man sich schon verirren. Wir wissen nicht so recht, wo wir hin sollen mit unseren Rädern. Wir entdecken vor einem kleinen Weg ein paar iranische Soldaten mit MPs.

Sie sitzen auf alten Holzstühlen, mit denen sie hin und her kippeln.

Das erinnert mich an meine Schulzeit, wenn mir langweilig war … also eigentlich immer …

Sie fragen, wo wir herkommen und wo wir hin wollen. Dann sehen wir eine kleine Halle mit der Zollkontrolle. Ein Schalter ist besetzt und vor uns eine kleine Schlange. Wir müssen also unsere Räder unbeaufsichtigt lassen und uns in die Warteschlange einreihen. Vor uns ein Herr, der mit dem Beamten eine kleine Auseinandersetzung hat. Es wird Geld gezahlt. Als wir an der Reihe sind, überprüft man unser Visum. Anscheinend hat man so ein Visum noch nicht gesehen. Ein zweiter Beamter wird hinzugezogen. Es scheint alles in Ordnung.

Das Visum hatten wir in Trabzon (Türkei) beim iranischen Konsulat sehr problemlos erhalten.

Siehe Wissenswertes. Wir erhalten unsere Pässe wieder. Kein Stempel … leider spricht der Beamte kein Englisch, aber wir erhalten unsere Stempel nach ein paar Minuten … jetzt ist es amtlich.

Keine Stempel mehr im Pass, sondern auf den separaten Visadokumenten.

Vertrauen ist gut, aber Kontrolle besser. Ohne den Einreisestempel hätten wir massive Probleme bekommen. Dass die Stempel nicht mehr in den Pass kommen, sondern auf das separate Visum ist eine enorme Erleichterung für all diejenigen, die noch nach Israel oder ähnlich weiterreisen wollen. Meiner Meinung nach ein positives Zeichen und im Vergleich sehr fortschrittlich.

Weiter geht’s und wir können nun unsere Räder durch ein Tor schieben. Es geht so gerade eben hindurch. Unsere Taschen werden teilweise gescannt.



Jetzt sind wir also endlich im Iran und überall hängen Gemälde, Fotos und Poster religiöser Führer. Der erste Eindruck ist einer Zeitreise gleich. Irgendwie wirkt alles wie in den 80er Jahren.

Alles etwas heruntergekommen … propagandistisch … Als wir aus dem Gebäude rollen, sehen wir überall Menschen, die sehr geschäftig etwas verkaufen wollen. Das sind wir nun schon gewohnt.

Wie an jeder anderen Grenze gibt es eine Menge an Menschen, die das schnelle Geld erhoffen.

Sie nutzen den perplexen Moment der Ankommenden aus. Auch hier wieder Geldwechsler.

Wir ignorieren sie und fahren zum nächsten Exchange.

Dort tauschen wir unsere ersten Rial. Die offizielle Währung der Republik.

Die inoffizielle Währung ist der Toman, bei dem man vom Rial einfach eine Null weglässt. Eigentlich soll es das Gehabe mit den Millionen vereinfachen, doch das Ganze führt zu noch mehr Verwirrungen und ich brauche mindestens eine Woche, um mich daran zu gewöhnen.

Wenn man also irgendwo etwas kauft, sollte man immer nachfragen, ob Rial oder Toman gemeint sind. Bei Behörden, größeren Supermärkten, oder ähnlichem ist meist Rial gemeint.

In kleineren Läden und auf dem Markt oder im Restaurant immer der Toman.

Der Iraner spricht immer vom Toman. Hinzu kommt noch, dass man grundsätzlich Millionär wird. Die vielen Geldscheine passen nicht ins Portemonnaie und da es nicht in jeder Stadt ein Geldwechselbüro gibt, bevorraten wir uns mit ausreichend Geld, aber auch nicht zu viel, welches wir an mehreren Stellen lagern müssen. Wir hören von mehreren Geldtauschgeschäften, bei denen Ausländer mit der Bezeichnung Toman übers Ohr gehauen wurden. Da der Kurs täglich schwankt und die Regierung sogar den Geldkurs reformieren möchte, erspare ich uns hier etwaige Umrechnungen. Man sollte sich also rechtzeitig informieren!

Da der Iran nicht ans internationale Bankensystem angeschlossen ist, gibt es keine Möglichkeit, sein Geld an einem Automaten zu ziehen. Vor Ort kann man auch eine Bankkarte der Melli Bank Iran erstehen und dann vielerorts bargeldlos bezahlen. Ich kann aber nicht sagen, ob dieser Aufwand wirklich lohnt, denn oftmals wird Cash verlangt. Man muss sich Bargeld für seinen Aufenthalt mitnehmen und dann in den Exchangeläden in den größeren Städten umtauschen.

Hier ist Vorsicht geboten, denn nicht in jeder größeren Stadt gibt es diese Wechselstuben.

Auf jeden Fall gab es welche in Astara, Rascht, Teheran, Esfahan, Schiraz und Bander Abbas.

In einigen Städten, die mehrere hunderttausend Einwohner hatten, wie Saveh, Quazvin u.s.w konnten wir keine dieser Geldwechselstuben finden. Nach etlichen Erkundigungen in sehr vielen Banken vor Ort, die uns alle weggeschickt hatten, ohne uns etwas umzutauschen, half uns einmal unser Schicksal aus, als wir fast pleite waren. Auf unserer Suche nach Bargeld wurden wir in einem Goldschmuckgeschäft fündig und auch noch zu einem guten Kurs. Wir hatten einfach Glück.


Astara ist quirlig und wir sind mit den ersten Eindrücken überfordert.

So lassen wir uns Richtung Süden treiben, um der Großstadt zu entkommen.

Unser Weg führt uns durch die Provinz Gilan am Kaspischen Meer.

Wir erreichen Lavandvil, um uns zu verpflegen und eine Übernachtungsmöglichkeit zu suchen. Eigentlich bräuchte man sich in iranischen Städten einfach nur auf den nächsten öffentlichen Platz zu begeben und schon hätte man in wenigen Minuten eine Übernachtungsmöglichkeit.

Der Iraner ist sehr neugierig gegenüber westlichen Besuchern und natürlich überaus gastfreundlich.

Mehrmals werden wir angesprochen. „Wo wir herkommen? / Wohin wir wollen?“

Wir fahren weiter, weil wir einfach Hunger haben ... und die Gastfreundschaft nicht ausnutzen wollen. Während unserer Suche nach einem Abendessen hielt auf der Hauptstraße plötzlich ein Fahrzeug neben uns. Man spricht uns an. Ob wir einen Schlafplatz suchen würden? … wir kommen ins Gespräch. Ein paar Minuten später folgen wir einem Auto, dessen Fahrer uns in seine Englischschule einladen möchte. Fünf Minuten später sitzen wir in seinem Büro bei Tee und Keksen. Yavar betreibt hier eine private Englischschule und lädt gerne Ausländer zu sich ein.




Sein Englisch ist sehr gut und so sitzen wir eine Stunde in seinem Office und plaudern über Gott und die Welt. Nebenan ist noch Unterricht und wir werden allen vorgestellt.

Nach Schulschluss können wir in einem der Klassenräume unser Quartier aufschlagen.

Wir sind begeistert von der Liebenswürdigkeit und spontanen Gastfreundschaft.

Yavar lässt uns schlafen, denn wir sind sehr müde … Am nächsten Morgen frühstücken wir im Klassenraum. Lange unterhalten wir uns noch mit dem freundlichen Leiter der Schule und wir wären am liebsten noch länger geblieben. Aber wir wollen die Gastfreundschaft nicht ausnutzen.

Dazu später noch mehr, um die Menschen zu verstehen …


Wir fahren weiter an der Küste entlang.

Das, was wir zu sehen bekommen, entspricht wieder nicht unserer Vorstellung.

Wir fühlen uns eher in Vietnam oder Kambodscha. Alles grünt und es gibt ohne Ende Reisfelder. Wir staunen und das nicht zum letzten Mal. In Gisum gibt es genügen Wald an der Küste und wir schlagen unser Zelt auf. Was für ein Glück, denn bei den vielen Reisfeldern hätten wir keinen geeigneten Camp Spot gefunden. Alles steht ja unter Wasser für den hervorragenden Reis … Nicht nur einmal huschen dicke Schlangen vor uns wieder in die Reisfelder.




Weiter geht’s nach Bandar Anzali bis nach Rascht.

Jedes Mal wenn wir anhalten, kommt irgend jemand auf uns zu und spricht uns an.

Auch, wenn wir gar kein Farsi verstehen.

Man möchte uns weiterhelfen, auch wenn wir einfach nur eine Pause einlegen …

Wir hatten im Vorfeld in einigen aktuellen Blogs davon gelesen, dass man in iranischen Städten ohne Probleme sein Zelt in einem Stadtpark aufschlagen kann und da es schon ziemlich spät am Abend ist, als wir Rascht erreichen, wollen wir das hier einmal ausprobieren …

Auf Google wird uns ein Campingplatz im größten Stadtpark angezeigt. Leider stellt sich heraus, dass er dauerhaft geschlossen ist. Wir suchen weiter und leider kann uns an diesem Abend keiner so recht weiterhelfen. Wir sind etwas genervt und enttäuscht, dass die Informationen über das Zelten so nicht ganz korrekt sind und übernachten schließlich in einem etwas ruhigeren Park, welcher nur am frühen Morgen von früh Aufstehenden, sporttreibenden Rentnern besucht wird.

Hier werden wir früh geweckt und auch eher skeptisch beäugt; ja, sogar noch zum Frühstück eingeladen und wir folgen einem Rentner auf seinem Rad, welcher nur spärliche Brocken Englisch spricht für eine halbe Stunde durch die City, bis sich herausstellt, dass er uns nur den Weg in die nächste Feriensiedlung weit vor den Toren der Stadt weisen will.

Wieder einmal stellen wir auf unserer Reise in den letzten Monaten fest, dass man nur ungern südlich vom Bosporus zugibt, etwas nicht zu wissen. Stattdessen tut man einfach so, als wüsste man oder weist lieber einen falschen Weg als gar keinen ...

In den nächsten Wochen erkundigen wir uns noch genauer nach angeblichen Möglichkeiten in Stadtparks zu kampieren und werden eines Besseren belehrt. Nicht in jedem Park kann man sich einfach ausbreiten. In manchen ist sogar das Mitführen von Lebensmitteln und der Verzehr verboten; geschweige denn das Übernachten. Es gibt ausgewiesene Campingplätze, die aber sehr rar sind! Oftmals kann man an Raststätten kleine überdachte Rastplätze finden und dort auch übernachten, aber man wird dort auf jeden Fall keine ruhige Nacht finden!

Denn die Neugier ist riesig im Iran.


In Rascht finden wir dann auch wieder Geldwechselstuben, günstige Hotels mit Frühstück und ein paar Geschäfte und Basare. In einem kleinen Restaurant bekommen wir das erste Mal bewusst mit Tarof in Berührung. Wir bekommen serviert, was gerade frisch gekocht ist.

In diesem Falle eine Speise, der man überall begegnet: Åsch.

Ein Gemüseeintopf aus Bohnen, Kichererbsen und lokalem, grünem Gemüse.

Alles schmeckt hervorragend und als wir zahlen wollen, werden wir spontan dazu eingeladen.

Doch halt! Das könnte Tarof sein … nach dem 3. Mal Nachfragen, ob das wirklich Ernst gemeint war, bekommen wir doch noch die Rechnung mit einem riesigen Lächeln. Und genau das ist Tarof. Eine Höflichkeitsfloskel der Gastfreundschaft, die den Gastgeber das Gesicht nicht verlieren lässt, weil dieser ein guter Gastgeber sein möchte und gleichzeitig aber auch auf Geld angewiesen ist. Deshalb sollte man sich immer genau vergewissern durch mehrmaliges Nachfragen, ob dem wirklich so sei.

Und oftmals geraten unwissende Touristen in dieses Spiel und sind beeindruckt von der Gastfreundschaft dieses verwunderlichen Landes, die es auch wirklich zuhauf gibt, aber oft ist es auch nur einfach: Tarof!


Dann führt uns unser Weg endlich gen Süden.

Wir haben bereits Mitte Mai und im Kaspischen Tiefland am Meer ist es noch verhältnismäßig kühl. 25 °C. Die über 2000 km bis zum Persischen Golf sind nicht in ein paar Tagen abgestrampelt.

Um nicht in den Sommer zu geraten, müssen wir uns also ein wenig sputen.

Als erste Hürde müssen wir das Elburs-Gebirge überqueren. Es ist die geografische Grenze zum iranischen Hochplateau. Nicht ganz ohne, denn bis nach Qazvin werden wir einige Tage brauchen … wir folgen dem Sefid Rud flussaufwärts, der bei Manjil zu einem riesigen See aufgestaut wurde. Die Landschaft ist bergig und es gibt viele Kiefern. Ein Waldgebiet ist den Konturen der iranischen Flagge angepflanzt oder gerodet. Wir müssen sehr viel trinken und dementsprechend schwer ist unser Gepäck, da wir viel Wasser mit uns führen. Nicht nur gegen den Durst, sondern auch zum Kochen und waschen. Das Befahren der Straße von Rascht aus bis in die ländlichen Gebiete ist eher nervig. Viele LKWs teilen mit uns die Straßen. Sehr dreckig und laut, denn Katalysatoren sind hier fremd. In nicht weiter Entfernung machen wir eine neu gebaute Autobahn aus. Fahrradfahren ist dort verboten.




Wir schlagen unser Zelt am Spätnachmittag am Fluss auf. Wir hoffen auf etwas Ruhe.

Nach kurzer Zeit gesellt sich ein Mann zu uns. Seine Englischkenntnisse sind mehr als begrenzt.

Er will hier eigentlich angeln, ist aber doch mehr an uns interessiert. Wir versuchen uns mit Händen und Füßen zu verständigen. Unsere wenigen Luxusgüter wie Datteln, Limonade und Früchte teilen wir mit unserem Gast. Nach zwei Stunden der eher mühsamen Konversation müssen wir uns ausruhen und geben ihm zu verstehen, dass wir lieber ungestört schlafen wollen und auch müssen.

Er angelt noch eine Stunde weiter und bevor er den Ort verlässt, will er uns noch zum Essen in sein Haus, viele Kilometer weit weg einladen. Das ist ja sehr nett, aber am Abend noch mal unser Quartier abbauen und die Räder durch unwegsames Gelände bugsieren, dann noch in der Nacht zu seinem Haus radeln, ist uns jetzt wirklich zu viel Aktion. Nach langem Hin und Her zieht er seiner Wege. Und wir können endlich schlafen.

So schön solche Begegnungen auch sein können, manchmal stressen sie mehr, als das sie Freude bereiten. Das mag einerseits an Verständigungsschwierigkeiten liegen andererseits auch an mangelnder Sensibilität für seine Privatsphäre.

Dieses Gespür fehlt oft Menschen, denen wir an den entlegensten Orten begegnen.

Ich weiß, dass ich dann eine Art Attraktion bin, möchte aber nicht als solche behandelt und dementsprechend ausgenutzt werden. Dies klarzumachen, ist fast unmöglich.

Andererseits bin ich ja auch eher Gast und Fremder in einem fremden Land und habe mich anzupassen. Sehr selten funktioniert eine sprachlose Übereinkunft zweier Fremder.

Dazu gehört viel Weisheit und Feingefühl. Wirklich intensiven Gedankenaustausch erfahren wir nur, wenn Englisch in ausreichender Form vorhanden ist. Und das kann man in den großen Städten des Irans durchaus leicht finden, denn die Iraner in den Städten haben sehr oft eine ausgezeichnete Bildung. Eine Allgemeinbildung die man in manchen europäischen Städten vergebens sucht.


Am nächsten Morgen erreichen wir Manjil. Eine Kleinstadt an einem Stausee.

Wir füllen unsere Lebensmittel und unser Wasser wieder auf und fahren bei leichter Steigung weiter bergauf. Die Hitze verbraucht Energie, die wir mit köstlicher iranischer Limonade aufzuladen versuchen. Die gibt es in jedem Lädchen zu kaufen und ist wirklich hervorragend.

Granatäpfel werden zuhauf angebaut und wird somit zu unserer favorisierten Geschmacksrichtung. Die Iraner bezeichnen dieses Getränk oftmals als Bier, denn es wird unter zur Hilfenahme von Weizen gebraut. Enthält aber keinen Alkohol, der ja im Iran verboten ist und schmeckt auch nicht im entferntesten Sinn nach Bier, aber gut!





Die Strecke zieht sich ganz schön bis nach Quazvin. Unsere Nachtquartiere schlagen wir zwischen Mohnfeldern und kleinen Äckern auf, in der Hoffnung nicht entdeckt zu werden.

Noch ist die Landschaft sehr vielseitig. Wir sehen uns noch einmal am satten grün der Wiesen satt, bevor wir in die karge Hochebene des Iran einfahren. Quazvin bot uns nur ein einfaches Hotelzimmer, wo wir uns an einer heißen Dusche erfreuten.

Ab jetzt sind die Steppen und Wüsten unser Schlafplatz.

Die Landschaft ist karg aber auch faszinierend!







Unser nächstes kleines Ziel ist Saveh, eine kleine Stadt auf unserem Weg nach Isfahan.

Die Straßen sind gut befahrbar und die Weite betört unser Gemüt. Die Landschaft ist grandios.


Ab und zu taucht eine Raststätte auf, die wir von nun an immer anfahren müssen, um auf den weiten Strecken unsere Wasser- und Lebensmittelvorräte aufzufüllen. Noch erstehen wir sehr dünne Fladen Brot und Käse sowie Tomaten und Gurken. Wieder einmal werden wir von ein paar reisenden Herren zum Lunch eingeladen. Wir fragen dreimal nach, des Tarofs wegen … spontan wird Brot, Salat, Tomaten, Gurken und frische Minze und Estragon aus ihrem Kofferraum in riesigen Mengen am nächsten Tisch aufgebaut. Dazu natürlich Çhai. Keiner spricht des anderen Sprache, doch wir alle sind von der Reise hungrig und freuen uns auf die sehr frischen und leckeren sowie einfachen Lebensmittel und benötigen keine Kommunikation. Wir lachen gemeinsam, weil es uns schmeckt. Spontan gesellt sich auch noch der Ladenbesitzer der Raststätte zu uns. So schauen wir gemeinsam mit vollem Magen über die weite Ebene dieses unglaublich freundlichen Landes.

So gestärkt schwingen wir uns euphorisch auf unsere Räder, nachdem wir uns herzlich bedankt und verabschiedet haben und suchen unserer Wege durch die einsame Wüstenlandschaft.

Und dieses Bild, der wahllos zusammentreffenden Fremden, die nicht die gleiche Sprache sprechen, sich aber trotzdem kulinarisch und durch herzliche Gastfreundschaft zueinanderfinden, symbolisiert für mich den Iran. Dieses Bild hat sich für mich positiv in mein Gehirn gebrannt.

Ich wünschte, so ein Bild hätte man auch von Deutschland oder anderswo!


Ich bin berauscht von der Schönheit der Landschaft.

Manchmal mutet es wie ein anderer Planet.

Doch es ist die Erde in all ihrer Form und Farbe.


Inzwischen ist es wesentlich wärmer geworden.

Für Rane, die ja die ganze Zeit ein Kopftuch tragen muss, eine echte Tortur.

Es gilt auch Beine und Arme zu bedecken. Das sind natürlich die „Schattenseiten“ dieses Landes. Auch ist es eigentlich Frauen verboten mit dem Rad zu fahren.

Nur einmal hält man uns deswegen an. Ein Zivilpolizist fährt neben Rane her und bedeutet ihr rechts ranzufahren. Ich bin weiter voraus und bemerke einen Moment später die Situation.

Als der Polizist feststellt, dass wir Touristen sind und Rane mit ihrem Mann unterwegs ist, fragt er mich, ob ich Ihr das Radfahren erlaubt hätte. Ich bejahe und daraufhin ist alles in Ordnung und er fährt davon.

Rane ist außer sich und kann es kaum fassen, wie wenig wert sie als Frau vor dem Gesetz ist ...


Skarabäus - Symbol für Kraft, Ausdauer, Führung. Ein gutes Omen.

Bis nach Isfahan sind es noch über hundert Kilometer und die all nachmittägliche Campingspot Suche beginnt. Meist schlagen wir unser Quartier weit ab von Zivilisation, Straßen und sonstigen etwaigen Störungsquellen auf. Nicht immer einfach.

Zu unser linken und rechten die Wüstenlandschaft. Wir schieben unsere voll bepackten Räder durch das unwegsame Gelände. Weit weg von der Straße. Meist werden daraus ein paar Kilometer.

Das geht auch nicht immer ohne Hindernisse, wie Gräben oder Zäune vonstatten.

Wir wollen so weit weg, dass man uns nur noch schwer erkennen kann.

Hügel hinter denen man sich verstecken kann. Und das Ganze auch noch, ohne das daraus Stress entsteht, was eher selten passiert, denn oftmals muss man umkehren, weil man nicht weiter kommt oder weil plötzlich so viele Steine herumliegen, dass man das Zelt nicht mehr aufstellen kann.

Einen geeigneten Platz zu finden, kann man nicht im Voraus kalkulieren.

Spätestens jetzt muss man sich auf die Kraft verlassen oder auf sein persönliches Glück …


Das schwere Rad durch den losen Sand schieben ist sehr Kräfte raubend.

Schaut uns jemand beim Abbiegen von der Straße zu? Wir müssen auf Schlangen achten.

Nicht durch einen Kaktus fahren. Okay, hier sieht es also gut aus. Die Straße ist verschwunden. Heute sind keine Hirten zu sehen, die ihre Schafe und Ziegen durch das karge Land treiben.




Wir beginnen mit dem Abendessen. Wir haben Tomaten, Gurken und Käse.

Ein Stück Brot, wenn wir Glück haben. Naan oder Sangak, die noch wie wirkliche Brotfladen aussehen und auch noch nach Brot schmecken und oft mit Gewürzen wie Schwarzkümmel bestreut sind, sind leider sehr selten. Überall findet man eine Brotsorte, die wie Luftpolsterfolie aussieht und leider auch so schmeckt. Lavash. Wobei ich natürlich nie Folie probiert habe, mir es aber so vorstelle. Lavash wird nur aus Mehl und Wasser hergestellt. Ohne Salz. Hauchdünn.

Man kann es zusammenfalten und in die Packtasche legen, ohne das es an „Qualität“ verliert.

Leider schmeckt es nach nichts und hat auch keinen Nährwert. Wir wickeln unsere Salate oder Käse darin ein, wie in einer Tortilla. Es sättigt ein wenig. Wir verstehen nicht, warum es so populär ist …


Der karge Boden aus der Nähe ...

Nach einiger Zeit, gerade als wir unser Zelt aufgestellt haben, kommt plötzlich aus dem Nichts ein Moped an gebraust. Ein junger Mann in grüner Kleidung, die an einen Förster oder Bauern erinnert, stellt sich vor. Auf dem Rücken ein kleiner Rucksack. Er kann keinen Brocken Englisch und eine Verständigung ist sehr schwer. Wir sind ziemlich erschöpft und nicht besonders angetan von unserem Besuch. Er gibt uns zu verstehen, er suche eine entlaufende Kuh. Das alles in Pantomime. Er hat ein Fernglas dabei und ist stolz auf die Vergrößerung seines Okulars. Er fragt uns in einem Mischmasch aus Farsi und Gesten aus, wo wir herkommen und was wir hier machen und ob wir seine Kuh gesehen hätten. Wir versuchen ihm klarzumachen, dass wir hier aus eher touristischen Gründen hier sind und den ganzen Tag auf dem Rad verbracht haben und jetzt müde sind und hier schlafen wollen. Nachdem wir unseren Gastgeberpflichten nachgekommen sind und unsere Datteln und Limonade angeboten haben, schildert er uns nun schon zum x-ten Male, das die Straße dort drüben sei und dass es bald wieder lange bergauf geht. Das wissen wir ja alles und deshalb wollen wir uns ausruhen und morgen früh weiterfahren. Nach eineinhalb Stunden fährt er endlich weiter und wir sind heilfroh endlich uns weiter ausruhen zu können.

Nach einer halben Stunde kommt er wieder und möchte uns den Weg zur Straße weisen.

Jetzt wird es irgendwie mysteriös und wir können ihn nicht abwimmeln.

Angeblich hat er seine Kuh auch wiedergefunden.

Wer es glaubt, … vielleicht denkt er, wir hätten uns verirrt ... Wir haben eine andere Theorie.

In ein paar Kilometer Entfernung können wir nur schemenhaft ein Betonwerk ausmachen.

Wir glauben, dass der Iraner auf seinem Moped dort angestellt ist und dafür Sorge zu tragen hat, dass man dem Werk nicht zu Nahe kommt. Deshalb auch das Fernglas. Aber warum konnte er uns das nicht sagen und erfindet eine komische Kuhgeschichte? Wir packen also zusammen und schieben unsere Räder ein paar Kilometer durch die Wüste. Kurz vor totaler Finsternis bedanken wir uns bei unserem Begleiter und geben ihm unmittelbar zu verstehen, dass wir jetzt alleine klarkommen.

Nach langem Hin und Her schwingt er sich endlich auf sein Moped und braust tatsächlich Richtung Betonwerk davon. In totaler Dunkelheit schieben wir noch ein Stück weiter und hoffen so, unseren genauen Standort nur für uns zu behalten. Völlig erschöpft bauen wir unser Zelt unter dem jetzt klaren Sternenhimmel auf und fallen genervt in unsere Schlafsäcke. Mit einem Ohr lauschend, ob sich nochmal jemand uns nähert, sinke ich in den Schlaf.

Am nächsten Morgen fühlen wir uns wie gerädert und beschließen, ohne Frühstück aufzubrechen. Also auch an den entlegensten Orten kann man manchmal unliebsamen und unerwarteten Besuch bekommen oder vielleicht gerade dort … und das sollte nicht das letzte Mal sein …

Mehrmals taucht plötzlich ein Schäfer aus dem Nichts auf.

Teenager auf Mofas besuchen uns um 3:00 Uhr in der Nacht.

Ein paar Afghanen lassen sich eines Nachts nur schwer loswerden.

Wir sind misstrauisch, weil sie unsere westlichen Sandalen und Uhr aufmerksam studieren.

Wieder einmal gibt es ein Verständigungsproblem. Wir überlegen unseren Standort zu wechseln, halten aber einen Aufbruch in der Dunkelheit für zu gefährlich, weil wir am Rande eines kleinen Canyon, durch den ein Fluss fließt, kampieren. Immerhin gibt es Schlangen, üble Dornengewächse und allerlei Spalten und sonstige Überraschungen, wie Skorpione, die wir beim erneuten Zeltaufbau nicht ausfindig machen können. Schließlich ziehen sie davon, kommen aber eine halbe Stunde später mit mehreren Männern zurück. Ich springe aus meinem Schlafsack und stehe halb nackt vor einer handvoll Menschen da. Fast rutscht mir das Herz in die Hose, als mir schließlich eine Schüssel mit Pfirsichen gereicht wird und eine Flasche Wasser...

Die restlichen Unbekannten wollen mir die Hand schütteln. Ich bin erleichtert.

Als wir wieder allein sind, schämen wir uns für unsere schlechten Gedanken gegenüber den Afghanen.


In Teil II. besuchen wir Esfahan, Shiraz und radeln

weitere 1000 km durch Tausend und eine Nacht ...


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